Es gibt einen Berg, an dem ich gelernt habe, klein zu sein. Der Wilde Kaiser war der erste, der nicht wieder aus mir herausging. Felswände bis tausend Meter. Gämsen über dem Schotter. Und ich, mittendrin, mit offenem Mund. Seitdem komme ich jedes Jahr. Einmal mindestens. Das ist zumindest theoretisch die Abmachung.
Ich weiß noch genau, wo es mich erwischt hat.
Wir waren von der Wochenbrunner Alm losgegangen, durch den Wald, dann in die Latschen. Es roch nach Harz und warmem Stein. Der Weg zog sich freundlich bergan, nichts Wildes, noch nicht. Es war früh am Morgen, um den kühleren Tagesbeginn zu nutzen. Das bietet sich an, weil der Aufstieg über eine helle Felswüste führt, der die Sonne unerbittlich reflektiert.
Die Tour startet im Wald. Dann lichteten sich die Latschen. Und der Kaiser steht da.
Nicht langsam. Auf einmal. Wände, die nach oben gingen und nicht mehr aufhörten. Heller, steiler Fels, von der Sonne ausgeleuchtet wie etwas, das man nicht anfassen darf. Ich blieb stehen. Ich glaube, ich habe in dem Moment vergessen, dass ich müde war.
Die Einheimischen nennen ihn „Koasa". Man erzählt, von Weitem schaue es aus, als läge oberhalb der Latschen ein versteinerter Kaiser. Ich habe es damals nicht gewusst. Aber das Gefühl war schon richtig: dass da oben etwas ruht, das größer ist und älter und vollkommen unbeeindruckt von mir.
Weiter oben, in den Schotterfeldern unter dem Ellmauer Tor, standen die Gämsen. Nicht eine, sondern mehrere überall. Sie suchten zwischen den Steinen nach Halmen, hoben kurz den Kopf unbeeindruckt und gingen weiter. Als wäre ich das Ungewöhnliche hier, nicht sie. Wahrscheinlich stimmt das auch.
Das Ellmauer Tor ist ein Einschnitt. Ein Tor im wörtlichen Sinn, hoch oben in der Mauer, wo der Fels für einen Moment nachgibt. Man steigt hinauf — Schutt, ein paar drahtseilversicherte Stellen, Geröll, das unter den Schuhen wegrutscht — und dann steht man im Sattel und schaut hindurch. Vorne der Wilde Kaiser, schroff und ernst. Hinten der Zahme. Dazwischen Luft.
Kein lautes Glück. Ein leises. Eines, bei dem man sich hinsetzt und eine Weile nichts sagt.
Zurück ging es über den Jubiläumssteig. Den muss man mögen: ein ausgesetzter Weg, teils mit Stahlseil, teils ohne, Leitern, schmale Tritte über dem Abgrund. Kein Spaziergang. Wer kein gutes Verhältnis zur Höhe hat, sollte ihn meiden oder gut gesichert gehen. Aber er führt durch eine Felsszenerie, die man so schnell nicht vergisst.
Dass dieser Steig nach einem Vereinsjubiläum benannt ist — die Münchner Sektion Turner-Alpenkränzchen, der auch die Gruttenhütte gehört — habe ich erst später erfahren. Es passt zu dem Berg. Hier wurde geklettert, als das Klettern in den Ostalpen gerade erst erfunden wurde. Die Wände des Wilden Kaisers waren die Wiege einer ganzen Bewegung. Man spürt das. Es liegt in der Art, wie der Fels einen ansieht.
An der Gruttenhütte, 1.620 Meter, auf der sonnigen Südseite, war der Tag fast vorbei. Über mir die Ellmauer Halt, 2.344 Meter, der höchste Punkt im ganzen Gebirge.
Seitdem ist es eine Art Versprechen geworden. Einmal im Jahr, mindestens, gehe ich in den Kaiser. Nicht immer dieselbe Tour. Nicht immer weit. Aber immer dorthin. Er ist mein Hausberg geworden, ganz ohne dass ich in der Nähe wohne — einfach, weil ein Teil von mir dort oben geblieben ist, zwischen Schotter und Gämsen, an dem Tag, an dem er das erste Mal vor mir stand.
Diesen Pfad gehe ich, um wiederzukommen.
Den Wilden Kaiser selbst sehen? Hier entlang: Stripsenjoch Wanderung


Aufnahmen aus 2012




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